«Wir müssen lernen, angemessen mit Technik umzugehen»

Der deutsche Philosoph und Publizist Richard David Precht rechnet mit einer künftigen Gesellschaft, bei der es weniger um Lohnerwerbsarbeit geht, als mehr um die Frage, was Menschen wirklich arbeiten wollen. Er selbst hat das, was er am liebsten macht, zu seinem Beruf gemacht – und fühlt sich deswegen selbstbestimmt.

Herr Precht, was heisst es für Sie, in einer künftigen digitalen Gesellschaft ein selbstbestimmtes Leben zu führen?
Das heisst, dass man lernt, angemessen mit Technik umzugehen. Verbunden auch mit der Hoffnung, dass wir in Staaten leben, die alles was jetzt Politik, Moral und Demokratie ist, nicht durch Sozialtechnik ersetzen. Weil dann ist ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich.

In Ihrer Utopie für eine digitale Gesellschaft plädieren Sie dafür, die Menschheit solle sich über die digitalen Fortschritte freuen, denn sie nehme uns langweilige und entfremdete Arbeit ab. Damit fällt ein Grossteil der Erwerbsarbeit weg. Wovon werden die Menschen dann noch leben?
Es gab in unserer Geschichte bereits Gesellschaften, in denen Erwerbsarbeit nicht im Mittelpunkt der politischen Kultur stand. Die Konzentrierung auf Lohnerwerbsarbeit ist ein Phänomen der letzten 200 Jahre, die allmählich wieder weggeht. Es wird wieder eine andere Form von Gesellschaft geben, die vielleicht strukturell ähnlich ist wie das alte Griechenland. Der freie griechische Mann war deswegen ein freier Mann, weil er nicht gearbeitet hat. Gearbeitet haben die Frauen, die Sklaven und die Ausländer. Die Frauen, die Sklaven und die Ausländer der Zukunft werden in vielen Bereichen die Roboter und Computer sein.

Umfragen haben gezeigt, dass die Menschen in den persönlichen Finanzen jenen Faktor sehen, der die Selbstbestimmung am stärksten einschränken kann. Sie sind ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Woher kommt ihre Überzeugung?
Ich fand das bedingungslose Grundeinkommen nicht von Anfang an eine tolle Idee. Aber was machen wir in einer Gesellschaft, in der Millionen von Menschen aufgrund des digitalen Fortschritts keiner geregelten Erwerbsarbeit mehr nachgehen können? Ich bin der Überzeugung, dass das Grundeinkommen in den meisten europäischen Staaten eingeführt wird, es ist nur eine Frage der Zeit wann, in welcher Höhe und wie es finanziert wird. Da gibt es noch viel politischen Spielraum, aber machen muss man das und zwar aus einer ganz einfachen Überlegung: Wenn die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen deutlich kleiner wird und die Anzahl derjenigen, die Transferleistungen bekommen, deutlich grösser, dann würde jedes so aufgebaute Sozialsystem kollabieren.

Inwiefern werden sich die Bedürfnisse der Menschen nach Sicherheit und finanzieller Zuversicht verändern mit Blick auf Ihre Szenarien?
Die finanzielle Sicherheit würde durch das Grundeinkommen stark steigen. In Deutschland wäre beispielsweise ein Grundeinkommen von 1500 Euro gegenüber Hartz-Bezügen in der Höhe von um die 1000 Euro eine deutliche Verbesserung. Die Menschen, gerade die ohne tolle Qualifikationen, hätten dann mehr Möglichkeiten, sich zu überlegen, was sie wirklich arbeiten wollen. Und das wird sowohl zu ihrer Lebenssicherheit wie auch zu ihrer Lebenszufriedenheit beitragen.

Abschliessend ganz persönlich: Fühlen sie sich selbst selbstbestimmt?
Ich fühle mich deswegen selbstbestimmt, weil ich das, was ich am liebsten mache, zu meinem Beruf machen konnte. Innerhalb dieses Berufes habe ich ein hohes Mass an Unabhängigkeit, mittlerweile auch finanziell.  Das war aber nicht immer so. Nach Ende meiner Assistentenzeit an der Uni habe ich von 950 Mark Arbeitslosengeld gelebt und deswegen habe ich eine gute Vorstellung davon, wie schön es sich anfühlen muss, stattdessen ein ordentliches Grundeinkommen zu bekommen. Ich hätte genau das gleiche getan, aber ich hätte besser geschlafen.

Zur Person

Richard David Precht ist ein deutscher Philosoph, Bestsellerautor und Honorarprofessor und einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Sein jüngst erschienenes Buch trägt den Titel «Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft».