Ohne Grosseltern läuft nichts

Grosseltern sind weit mehr als wichtige Enkelbetreuer und Geldgeber. Sie sind das Gedächtnis der Familien. Ihre Bedeutung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ohne die Älteren sähe die Gesellschaft alt aus.Sie sind so wichtig wie nie, wie eine neue Untersuchung zeigt.

„Je tiefer die staatlichen Bildungsausgaben, desto grösser ist die Bedeutung der Grosseltern für den Bildungserfolg der Enkel.“

Christian Deindl, Soziologe an der Universität Frankfurt

Die Verlängerung der gemeinsamen Lebenszeit von Grosseltern und Enkelkindern gehört zu den emotionalsten Effekten der Langlebigkeit.

Intimität auf Distanz

Die Auswirkungen der neuen Mehrgenerationengesellschaft sind in vielerlei Hinsicht bedeutend, wie die boomende Generationenforschung festgestellt hat. Zum einen für die Omas und Opas selber, denn eine aktive Grosselternschaft kann zu einem wirksamen sozialen Jungbrunnen werden und sich auch positiv auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit auswirken. Zum anderen sind sie auch ein Segen für die ganze Familie und Gesellschaft. Zwar wohnen die Generationen nicht mehr wie früher unter einem Dach, trotzdem besteht eine enge Verbindung – eine «Intimität auf Distanz», wie der Schweizer Generationenforscher François Höpflinger das Phänomen benannte.

Finanziell und zeitlich engagiert

Fest steht: Grosseltern sind für die Enkelgeneration wertvoller denn je. Da in der mittleren Generation immer häufiger auch die Mütter berufstätig sind und sich die Betreuungsangebote für Kinder in vielen Ländern lückenhaft und teuer gestalten, ist die Unterstützung der fitten Omas und Opas der Babyboomer-Generation oft unentbehrlich.

Boomendes Enkelbusiness

Noch grösser ist ihr indirekter finanzieller Beitrag, denn mehr als die Hälfte der Grosseltern in Europa übernimmt regelmässig die Betreuung der Kinder von arbeitstätigen Eltern, wie eine aktuelle Umfragezeigt. Besonders viele sind es in Nordeuropa und Frankreich (siehe Grafik). Dafür ist die Intensität der Betreuung in Südeuropa viel höher. Betreuen Grosseltern ihre Enkel in Nord- und Mitteleuropa zwischen 240 und 360 Stunden im Jahr, sind es in Italien 730 Stunden und in Griechenland gar 960 Stunden.

Unterschätzte Rolle der Grosseltern

Neben diesem materiellen Beitrag werden auch soziale Faktoren wie die «immaterielle» Weitergabe von Familientraditionen und -werten immer wichtiger. Insbesondere der Einfluss von Grosseltern auf den Bildungserfolg der Enkel ist jüngst zum Gegenstand der Generationenforschung geworden.

Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Rolle der Grosseltern wurde bisher unterschätzt. Zwar war bekannt, dass der Bildungserfolg der Kinder in hohem Masse von den materiellen und kulturellen Ressourcen der Eltern abhängt. Die Studie zeigt jetzt, dass die Grosseltern eine erhebliche eigenständige Wirkung haben.
  • Der Einfluss der Grosseltern auf den Bildungserfolg wird dann besonders relevant, wenn die Eltern finanziell schlechter dastehen als die Grosseltern oder schlechter gebildet sind als diese.
  • Der Grosselterneffekt für die Bildungskarriere der Enkel variiert in Europa stark. Je tiefer die staatlichen Bildungsausgaben, desto grösser der Effekt. Dementsprechend ausgeprägt ist er in Südeuropa, während er in Skandinavien vergleichsweise gering ist.

Das Autorenteam Nicole Tieben und Christian Deindl kommt deshalb zum Schluss: «Die Grosseltern sind eine «familiäre Rückversicherung» für den Bildungserfolg von Kindern. Ihre materiellen und kulturellen Ressourcen kommen besonders dann zum Tragen, wenn Eltern und Staat diese Ressourcen nicht zur Verfügung stellen. Und sie tragen dazu bei, den Bildungsstatus einer Familie über mehrere Generationen zu erhalten.» Umgekehrt zeige diese Studie aber eben auch, so die Soziologen, dass staatliche Bildungsinvestitionen den Schülern aus bildungsfernen Schichten durchaus nutzen können: «Sie können einen Ressourcenmangel der Herkunftsfamilie kompensieren und die Chancengleichheit für eine erfolgreiche Schulkarriere erhöhen.»

1Ageing and Family Solidarity in Europe Patterns and Driving Factors of Intergenerational Support. Marco Albertini (2016) www.researchgate.net/publication/303389367_Ageing_and_Family_Solidarity_in_Europe_Patterns_and_Driving_Factors_of_Intergenerational_Support

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