«In Frankreich legen Eltern mehr Wert auf Autonomie»

Warum schlafen französische Babys durch? Wieso essen die Kleinkinder brav, was auf den Teller kommt? Und warum macht das die Eltern selbstbestimmter? Die in Paris lebende Amerikanerin Pamela Druckerman hat die Erziehungsmethoden der Franzosen studiert und einen Bestseller geschrieben.

Wie kamen Sie dazu, die Geheimnisse der französischen Erziehung zu erforschen?
Der Schlüsselmoment war ein Essen mit unserer kleinen Tochter in einem Restaurant während der Sommerferien in Westfrankreich. Um uns herum sassen französische Familien entspannt an ihren Tischen und genossen das Drei-Gang-Menü. Aber unser kleines Monster quengelte, ass nur Pommes und kletterte dauernd aus seinem Kindersitz. Da fragte ich mich: Was machen wir bloss falsch? Wie schaffen das französische Eltern?

Und was ist das Geheimnis?
Zentral sind zwei Dinge. Zum einen dreht sich das Familienleben nicht ausschliesslich um die Kinder. Zum zweiten glauben Franzosen, dass auch Kleinkinder nicht hilflose Wesen sind, sondern vernunftbegabte, rationale Individuen. Dies führt dazu, dass man nicht in Babysprache, sondern ganz normal mit ihnen spricht. Man traut dem Kind von Anfang an etwas zu und erzieht sie vom Tag eins an.

Wie geht das?
Nehmen wir das Schlafen. Babys müssen sich sehr früh dem Rhythmus der gesamten Familie anpassen und die Eltern bringen ihnen aktiv das Durchschlafen bei. Das tun sie, indem sie nicht sofort reagieren, wenn das Kind aufwacht. So hat es eine Chance, seine Schlafphasen selbst zu verknüpfen. Eine Technik, die am besten in den ersten vier Monaten funktioniert.

Wieso herrscht ausgerechnet im Mutterland der 68er-Bewegung weniger laissez-faire?
Auch hier wandelte sich im Zuge der 68er der Erziehungsstil. Geprägt wurde das neue pädagogische Ideal von der Kinderärztin und Psychoanalytikerin Françoise Dolto. Sie sagte: «Hört den Kindern zu. Nehmt ihre Wünsche ernst, aber vergesst nicht, Grenzen zu setzen.» Das magische Rezept ist «le cadre», der sogenannte Rahmen. Man formuliert Grenzen, aber innerhalb dieser Grenzen haben sie ihren Freiraum. Ein Beispiel: Ist es Zeit fürs Bett, dann müssen die Kinder in ihrem Zimmer bleiben, aber sie dürfen dort noch eine Weile machen, was sie wollen.

Und so bringt man Kinder dazu, anständig und ausgewogen zu essen?
Auch hier gibts diesen «cadre». Man glaubt, dass die Entwicklung des Geschmackes erlernt werden kann und es gibt keine Kinder-Menüs, sondern die Kinder essen dasselbe wie die Erwachsenen. Diese kulinarische Erziehung wird auch in den Krippen gelebt: Es gibt keine Snacks, was bedeutet, dass die Kinder am Mittag wirklich Hunger haben. Im Prinzip also ziemlich simpel, aber effektiv – wie so vieles in der französischen Erziehung.

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Pamela Druckerman, freie Journalistin und Buchautorin

Pamela Druckerman (48) ist in New York aufgewachsen und studierte Internationale Beziehungen an der Columbia University. Danach war sie Redakteurin bei The Wall Street Journal und schrieb für The New York Times, The Washington Post und Marie Claire. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Sachbuchautorin. Sie lebt mit ihrem englischen Ehemann und ihren drei Kindern in Paris.

Ist es nicht erstrebenswerter, dass Kinder selbstbewusst und kreativ sind, statt angepasst und brav?

Es geht nicht um Bravheit, sondern um Respekt. Man bringt den Kindern auf diese Weise Empathie bei, man holt sie aus ihrer ichbezogenen Blase raus. Die Franzosen glauben: Ein Kind, das Frust aushalten kann, wird auf lange Sicht ein glücklicherer, belastbarerer Mensch.

Loben Franzosen ihre Kinder deshalb weniger, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?
Sie loben gezielter. Der inflationäre Gebrauch macht Lob wertlos und das spüren die Kinder. Das französische Modell ist: Du musst lernen, glücklich zu sein, auch ohne dauerndes Feedback der Eltern. In vielen westlichen Ländern liegt der Fokus mehr auf Sicherheit und Kontrolle, in Frankreich mehr auf Autonomie. Man leitet die Kinder eher dazu an, etwas allein zu machen.

Die Kinder sollen früh selbstbestimmt sein – wie schaut es für die Eltern aus?
Es gibt hier weniger diesen Mythos vom puren Glück und Erfüllung im Zusammenhang mit den Kindern. Französische Eltern definieren sich nicht ausschliesslich über ihre Sprösslinge, sondern achten darauf, dass jeder Aspekt des Lebens – sowohl das Leben als Mutter wie jenes als Berufstätige oder als Frau – den angemessenen Platz bekommt und kein Aspekt dominiert. Diese Balance ist ihnen sehr wichtig – und sie macht selbstbestimmter.

Wie zeigt sich das im Alltag?
Indem das Leben der Eltern mehr Raum und Zeit einnimmt. Es ist normal, dass Kinder mit vier oder fünf einige Wochen bei den Grosseltern verbringen oder die Eltern mal eine Woche allein Urlaub machen. Es gibt sogar eine Tageszeit, die «Erwachsenen-» oder «Elternzeit» genannt wird. Sie bricht an, sobald die Kinder im Bett sind, und sorgt für frühere und feste Schlafenszeiten. Es dreht sich im Familienleben schlicht nicht alles um die Kinder. Man hat auch nicht das Gefühl, dass die Kinder permanent gefördert und von Kurs zu Kurs gefahren werden müssen.

Ihre Tochter ist heute zwölf Jahre alt und Sie haben inzwischen auch noch Zwillinge bekommen. Ihr Fazit: Ist es möglich, die französische Erziehung zu erlernen?
Kindererziehung ist glücklicherweise nichts Angeborenes oder Statisches. Wir können daran etwas verändern. Mein Mann und ich haben tatsächlich vieles übernommen, weil es einfach mehr Sinn macht. Und ja: Die Essrituale gehören dazu. Unsere Älteste isst heute sogar Roquefort.

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Internationaler Bestseller

Das Buch «Warum französische Kinder keine Nervensägen sind. Erziehungsgeheimnisse aus Paris» (Mosaik Verlag) von Pamela Druckerman wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und wurde in mehreren Ländern ein Verkaufsschlager. Es schaffte es unter anderem in die Topten der New-York-Times-Bestsellerliste und war sogar die Nummer eins in England (Sunday Times). Das neueste Buch von Pamela Druckerman heisst «There are no Grown-ups. A midlife Coming-of-Age Story» (Penguin Press) und ist bisher erst auf Englisch erschienen.