«Sprechen Sie mit Kindern möglichst oft über Geld»



Wie steht es um die Finanzkompetenz der jungen Menschen? Was sollen Eltern auf keinen Fall tun? Und welche Rolle spielt das Taschengeld? Antworten von Annamaria Lusardi, Direktorin des Global Financial Literacy Excellence Center an der George-Washington-Universität.


Annamaria Lusardi (56) ist Professorin für Ökonomie und Rechnungswesen an der George-Washington-Universität sowie Gründerin und Direktorin des dortigen Global Financial Literacy Excellence Center. 

Frau Lusardi, wie viel Taschengeld bekamen Sie?
Gar keines.

Wie haben Sie denn als Kind den Umgang mit Geld gelernt?
Ich wuchs in einem kleinen norditalienischen Städtchen auf und begleitete meinen Vater – er war ein Unternehmer – jeweils auf den Markt, wo allerlei Waren gehandelt wurden. Dort hörte ich fasziniert zu, wie die Geschäftsleute über Preise, Deals und Krisen diskutierten. So entwickelte sich mein Interesse für wirtschaftliche Grundlagen und die Bedeutung von Finanzwissen für den Menschen.

Heute gelten Sie als Pionierin für Finanzkompetenz. Wie steht es um das Finanzverständnis der Jugend?
Gar nicht gut. So unterschiedlich die Länder auch sind bezüglich Bildung, Arbeitsmarkt oder Zugang zum Finanzmarkt: In Sachen Financial Literacy ist die Welt «flach». Fast in jedem Land verfügt ein sehr hoher Anteil der Bevölkerung nicht einmal über ein grundlegendes Niveau der finanziellen Bildung. In den USA beispielsweise können nur 30 Prozent der Bevölkerung eine einfache Prozent-Rechnung durchführen. Besonders schwerwiegend ist der finanzielle Analphabetismus bei den 18- bis 25-Jährigen und in der Highschool: Nur 7 Prozent der Schüler können als finanziell kompetent angesehen werden. Das ist alarmierend und gefährlich.

Inwiefern gefährlich?
Heute müssen junge Menschen viel mehr finanzielle Entscheidungen treffen, als wir es in der Vergangenheit tun mussten. Wie kann man sparen, wie sich für den Ruhestand vorbereiten? Die Rentensysteme verändern sich und verlangen von den Jungen mehr Selbstverantwortung. Zudem sehen sie sich einem neuen wirtschaftlichen Umfeld mit komplexeren Finanzmärkten gegenüber. Wir müssen unsere Kinder mit den richtigen Fähigkeiten ausstatten, damit sie in dieser Gesellschaft bestehen können.

In welchem Alter sollten Eltern mit der Finanzausbildung beginnen?
So früh wie möglich. Spätestens, wenn die Kinder den ersten Milchzahn verlieren und die Zahnfee eine Münze für die Sparbüchse unters Kissen legt. Eltern sollten mit ihren Kindern über Geld sprechen, aber erstaunlich viele tun sich schwer damit: So zögern 70 Prozent der Eltern in den USA, mit ihren Kindern Geld zu thematisieren. Diese fangen an Geld auszugeben, bevor die Eltern ihnen geholfen haben zu verstehen, wie das überhaupt funktioniert.

Wie soll man denn mit Kindern über Geld sprechen?
Es gibt viele Situationen, die sich dafür eignen. Etwa wenn Kinder von den Grosseltern einen Zustupf erhalten. Dann können wir mit ihnen darüber sprechen, dieses Geld zu sparen oder es auszugeben. Eltern können auch über die Entscheidungen sprechen, die sie selber treffen – zum Beispiel, warum sie für die Ausbildung des Kindes sparen. Wichtig ist: Machen Sie die Themen relevant, damit Kinder realisieren, warum sie sich ums Geld kümmern sollten. Und: Sprechen Sie so oft wie möglich darüber, denn Wiederholung verstärkt das Lernen.

Wie wichtig ist Taschengeld?
Sehr wichtig. Taschengeld im Kindesalter steigert die finanzielle Zuversicht im Erwachsenenalter, wie auch eine neue Studie meines Kollegen Dario Sansone zeigt. Dank Taschengeld lernen Kinder, mit Geld umzugehen und Opportunitätskosten zu verstehen. Wenn sie es für ein Glacé ausgeben, können Sie es nicht für etwas anderes brauchen. Die Erkenntnis: Du wirst keine unendlichen Ressourcen im Leben haben, sondern musst diese bedacht nutzen und gut einsetzen. Die zweite wichtige Sache, die sie damit lernen können, ist der Wert von Zeit und Geduld.

Wie?
Zusätzlich zum Taschengeld empfehle ich den Eltern dringend, den Kindern zu sagen: «Wenn du das Geld sparst, werde ich dir ein bisschen mehr geben.» Es ist sehr wichtig, Kindern beizubringen, dass Sparen wichtig ist. Dafür gibt es eine Belohnung und je länger die Zeitspanne, desto grösser die Belohnung. Das Verständnis für den Zinseszins ist essentiell. Gerade für junge Menschen, die einen langen Anlagehorizont haben.

Sollen wir die Kinder für Hausarbeiten wie Rasenmähen oder Schneeschaufeln bezahlen?
Ja. So verstehen sie, dass das Geld nicht einfach aus dem Bancomat kommt, sondern der Lohn für Arbeit ist. Und diese Arbeit erfordert Disziplin. Du musst pünktlich erscheinen und eine bestimmte Aufgabe pflichtbewusst erledigen. Ich würde den Eltern sogar empfehlen, dass sie für gute Arbeit eine höhere Belohnung bezahlen. So verstehen Kinder, dass sich gute Arbeit lohnt.

Und wie steht es mit einer finanziellen Belohnung für gute Schulnoten?
Darüber existieren verschiedene Forschungsmeinungen, mir persönlich gefällt das nicht. Die Schüler sollten verinnerlichen, dass sie die guten Noten nicht für ihre Eltern machen, sondern für sich selbst. Sie müssen verstehen, dass gute Noten mit besseren Perspektiven verbunden sind. Der Anreiz besteht also nicht in einer unmittelbaren Belohnung, sondern darin, dass es in Zukunft eine höhere Belohnung gibt.

Liegt es nur an den Eltern, Finanzwissen zu vermitteln?
Nein. Sie sind wichtig, aber wenn wir das allein ihnen überlassen, werden wir eine ungleiche Gesellschaft haben. Der Schulunterreicht ist der beste Weg, Finanzwissen allen zugänglich zu machen, besonders auch ärmeren Menschen und Frauen. So wie wir vor 100 Jahren die Schulpflicht eingeführt haben, um allen Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen, sollte heute jedes Kind das Finanz-ABC in der Schule erlernen.

The big three – die drei Standardfragen zum Finanzwissen

Zusammen mit Olivia Mitchell konnte Annamaria Lusardi aufzeigen, dass das Wissen über drei einfache Konzepte zentral ist, um den Menschen zu befähigen, finanzielle Entscheidungen zu treffen: die Macht des Zinsenzinses, die Funktionsweise der Inflation und die Risikodiversifikation. Dazu haben sie drei Standardfragen entwickelt:

Frage 1
Angenommen, Sie haben 100 Franken auf dem Konto, bei einem Zinssatz von 2%. Wie hoch ist der Kontostand nach fünf Jahren?

  • mehr als 102 Franken?
  • genau 102 Franken?
  • weniger als 102 Franken?
  • weiss ich nicht

Frage 2
Der Zinssatz auf dem Konto beträgt 1%, und die Inflationsrate liegt bei 2%. Können Sie, wenn Sie wollen, mit dem auf dem Konto liegenden Geld nach einem Jahr …

  • … mehr kaufen als jetzt?
  • … genau so viel kaufen wie jetzt?
  • … weniger kaufen als jetzt?
  • … weiss ich nicht

Frage 3
Der Kauf einer einzelnen Aktie ist in der Regel weniger riskant als der Kauf eines Aktienfondsanteils. Diese Aussage ist …

  • … richtig
  • … falsch
  • … weiss ich nicht

Lösungen
Frage 1:   mehr als 102 Franken
Frage 2:   weniger kaufen als jetzt
Frage 3:   falsch


Warum ich mich für meine Familie aufopfere

Für Maria Clemente bedeutet ihre Familie alles. Als das Schicksal bei ihrem Mann zuschlägt, stellt sie ihre eigenen Bedürfnisse hinten an. Dennoch beklagt sie sich nicht. Vielmehr macht es sie glücklich, dass sie so ihrem Mann und ihren Kindern Selbstbestimmung ermöglichen kann.

2001 änderte sich für Maria Clemente und ihre Familie alles. Ihr Mann Vincenzo erkrankt schwer. Für die Schweizerin beginnt ein Leben zwischen Spital, Kundenbetreuung und Arbeit. Selbstlos nimmt sie ihr Schicksal an, steckt ihre eigenen Bedürfnisse zurück. «Wenn jemand in der Familie erkrankt, kann man nicht einfach abhauen und sagen, ich lebe jetzt mein eigenes Leben», sagt sie. Für sie stehe die Familie immer an erster Stelle.

Das sieht auch ihre Tochter Letizia so. Ihre Mutter habe mit ihrer Aufopferung dafür gesorgt, dass sowohl wie auch die Kinder ein selbstbestimmtes Leben führen können. «Sie tat alles dafür, damit sie meinen Vater pflegen und uns Kinder grossziehen konnte. Zu sich selbst schaut sie aber leider viel zu wenig.» Der grösste Wunsch, so sagt Maria Clemente, sei es, dass es ihre Kinder einmal besser haben als sie. «Was ich tue, tue ich aus vollem Herzen. Ich will kein Lob für das.» 

Wie aus Metrotickets Kunst wird

Der Franzose Vincent Bargis ist ein spezieller Künstler. Für seine Kunstwerke verwendet er Materialien aus seiner Umgebung – wie zum Beispiel Fahrkarten der U-Bahn. Doch dass er seine Passion zum Beruf machen konnte, hat seinen Ursprung in einem tragischen Zwischenfall.

Februar 2009: Vincent Bargis verunglückt mitten in der Nacht mit seinem Roller. Schwer verletzt bleibt er in einem Graben liegen, bis ihn mehrere Stunden später ein Passant findet. Gerade noch rechtzeitig. 20 Minuten später wäre er erfroren, sagte das Rettungsteam. Für Vincent Bargis war dieses Erlebnis so einschneidend, dass er beschloss, sein Leben komplett zu ändern und das zu tun, woran er die grösste Freude hat – Kunst. Dafür verwendet er Materialien, die er in seiner Umwelt findet.

Seit dem Unfall fährt er kein Motorrad mehr und ist hauptsächlich mit der Pariser Metro unterwegs. Dort kam ihm dann auch die Idee für ein grosses Projekt. Die Magnetstreifen der Metrotickets dienen ihm als Grundmaterial für seine Kunst. «Dieses Kunstprojekt ist das erste richtige Projekt meiner Karriere, ja sogar meines Lebens», sagt Vincent Bargis. Selbstbestimmung sei für ihn etwas Natürliches. «Wenn man bei den wichtigen Themen im Leben selbstbestimmt ist, kann man sich verwirklichen. Das ist der Anfang vom Glück.»

«Ich habe zwei Euro Schulden bei Papa»


Wie wichtig ist Kindern Geld? Wofür sparen sie? Wofür geben sie am meisten aus? Drei Kinder aus drei Ländern sprechen über Taschengeld, Spenden und grosse Wünsche.S


Salim, 8, Heidelberg, Deutschland
«Papa vergisst das Taschengeld oft, ich nie»

Salim, wie viel Taschengeld bekommst du?
Jeden Sonntag drei Euro – einen für jedes Sparschwein.

Du hast drei Sparschweine?
Ja. Eines ist für «Spend», dieses Geld gebe ich laufend aus, eines ist für «Save», da wird gespart, und das letzte heisst «Give», das spende ich.

Wie viel ist im «Save» drin?
21 Euro – leider noch nicht so viel, ich habe vor nicht allzu langer Zeit angefangen. Ich spare auf den Death Star von Lego, der kostet aber 500 Euro.

Wie viel hast du in den anderen zwei?
Bei «Spend» sind es zurzeit leider nur neun Euro, und bei «Give» sind es 25 Euro.

Für was brauchst du das «Spend»?
Ich warte immer, bis es wieder einigermassen voll ist, und dann gehe ich in den Spielzeugladen und schaue, was es da gibt. Meistens kaufe ich was von Lego, das letzte war ein teures Ninjago, darum ist die Kasse jetzt ziemlich leer. Und im Frühling gab ich sehr viel aus für Panini-Bildchen.

Süssigkeiten?
Nein, mag ich nicht.

Findest du drei Euro genug?
Ich bekomme jedes Jahr 50 Cent mehr, das passt schon.

Kriegen bei dir in der Schule alle Taschengeld?
Nein, die meisten bekommen noch keines. Auch bei mir ist es relativ neu, etwa seit einem Jahr – am Anfang war es auch noch weniger. Meine Schwester ist fünf und hat sich kürzlich gewünscht, dass sie ab dem sechsten Geburtstag pro Woche 50 Cent bekommt.

Findest du das okay?
Ich kann schon verstehen, dass sie ein bisschen eifersüchtig ist auf meine drei Sparschweine. Aber ich finde es etwas unfair, dass sie schon ab sechs Taschengeld bekommt. Ich war schliesslich erst sieben.

Wer gibt dir das Geld?
Meistens der Papa, aber er vergisst es oft. Ich natürlich nie. Wir haben sogar auf dem Kalender ein Zeichen dafür.

Wie wichtig ist dir das Geld?
Ich denke selten daran, aber wenn jemand das Wort Spielzeugladen sagt, macht es klick bei mir und es ist wieder superwichtig.


Anuk Steffen, 13, Chur, Schweiz
«Ich bin nicht die grosse Sparerin»

Anuk, wie viel Taschengeld bekommst du?
55 Franken pro Monat (48 Euro, Anm. d. Red.). Neuerdings überweisen meine Eltern das Geld auf mein Schülerkonto, für das ich eine eigene Bankkarte habe. Elektronisches Geld ist schon ein bisschen weniger übersichtlich als Münzen und Noten. Du hast es nicht in der Hand und darum auch etwas weniger unter Kontrolle.

Wirst du für Haushaltsarbeiten wie Rasenmähen oder Schneeschaufeln bezahlt?
Nein. Es ist doch normal, dass man daheim mithilft. Das gilt auch für gute Schulnoten. Ich fände es komisch, wenn ich dafür Geld erhalten würde.

Verdienst du sonst noch Geld?
Ab und zu arbeite ich als Babysitterin. Und kürzlich habe ich mich für die Mitarbeit beim Kerzenziehen im Jugendzentrum beworben. Hoffentlich kriege ich den Job.

Wofür gibst du am meisten Geld aus?
Für Deko-Material. Ich stelle mein Zimmer alle paar Wochen um und dekoriere es neu. Und manchmal kaufe ich mir spezielle Klamotten. 

Darfst du dir eigentlich kaufen, was du magst? 
Im Prinzip schon. Nur bei technischen Geräten wie einem Handy würden meine Eltern wohl ein Wörtchen mitreden. 

Wofür sparst du?
Ich bin nicht die grosse Sparerin. Grössere Dinge wünsche ich mir jeweils zum Geburtstag oder zu Weihnachten. 

Schon mal gespendet?
Ich nicht, aber meine Eltern. Im Briefkasten liegen ja sehr häufig Spendenbriefe, und manchmal besprechen wir gemeinsam, wem wir etwas geben. 

Mit neun Jahren hast die Hauptrolle im Kinohit «Heidi» gespielt. Hast du da viel verdient? 
So genau weiss ich das gar nicht. Das Geld liegt auf einem Sparkonto, auf das ich erst mit 18 Jahren Zugriff habe.

Bist du noch im Filmgeschäft?
Im Frühling habe ich in München «Pig Heart» gedreht. Ich spiele ein herzkrankes Mädchen, das gegen den Tod kämpft. Es ist ein Abschlussfilm der Filmschule und darum ist alles viel kleiner als bei «Heidi».

Fühlt sich selbstverdientes Geld anders an?
Ja, besser. Weil man es nicht einfach so bekommen hat.

Wie wichtig ist dir Geld?
Nicht besonders. Ich mache andere Sachen viel lieber als Shopping. Aber es ist schon praktisch, wenn man genug davon hat. Geld regiert halt die Welt.

Hättest du gern mehr Taschengeld?
Nein. Ich habe alles, was ich brauche.


Alicia, 11, Nantes, Frankreich
«Viele meiner Freundinnen haben gar kein Taschengeld»

Alicia, wie viel Taschengeld bekommst du?
Jedes zweite Wochenende, wenn ich bei Papa bin, bekomme ich zwei Euro. Meistens gibt er mir das Geld am Samstag, manchmal vergessen wir es, dann holen wir’s am Sonntag nach. Das Geld spare ich in einem englischen Bus, der dient als Sparschwein.

Wie viel ist drin?
Leider gar nichts. Ehrlich gesagt habe ich zwei Euro Schulden bei Papa, weil ich gestern ein Spielbuch gekauft habe. Ich zahle es ihm in zwei Wochen zurück. Bei meiner Mutter habe ich eine zweite Sparbüchse, dort hat es mehr drin, etwa 150 Euro. Das Geld habe ich zu Weihnachten und zum Geburtstag geschenkt bekommen.

Hast du Pläne, was du damit machen möchtest?
Mein Fernziel ist eine Nintendo Switch, eine Spielkonsole – aber die kostet 300 Euro, das dauert noch.

Was ist das Teuerste, was du je gekauft hast?
Ich glaube, das war ein Body-Surfboard für 20 Euro. Wir leben an der Atlantik-Küste, ich liebe es, im Meer zu spielen, auch wenn es relativ kalt ist hier und ich meistens einen Neoprenanzug tragen muss.

Kriegst du jedes Jahr mehr Taschengeld?
Letztes Jahr bekam ich einen Euro, jetzt, wo ich in der Mittelschule bin, bekomme ich zwei Euro. Ich glaube, nächstes Jahr bleibt es gleich.

Bist du damit zufrieden?
Sehr. Viele meiner Freundinnen und Freunde haben gar kein Taschengeld – sie wissen auch nicht, dass ich schon etwas bekomme.

Kaufst du manchmal Süssigkeiten?
Ja, mein Lieblingsbonbon ist ein Krokodil, das kostet 50 Cent. 

Wie wichtig ist dir das Geld?
Schon wichtig. Das wurde mir kürzlich bewusst, als ich eine Fünf-Euro-Note verlor und danach sehr traurig war.

Wenn du ganz viel Geld hättest, was würdest du tun?
Eine Weltreise! Das ist mein grosser Traum. Ich habe schon ein paar Reisen gemacht und möchte mehr sehen.

Der Mann, der mit 76 noch aus Flugzeugen springt


Fliegen bedeutet für Gian Paolo Longoni Leben. Wenn immer möglich ist er in der Luft, sei es mit seinem eigenen Flugzeug, mit dem Fallschirm oder mit einem Wingsuit. Dabei hat der Italiener schon lange das Pensionsalter erreicht.

Zehn Jahre ist es her, als sich Gian Paolo Longoni zum ersten Mal einen Wingsuit anzog. Er beschloss einen Kurs zu machen. 66 Jahre jung war er damals. Bereut hat er es nie. Im Gegenteil. «Wenn man fliegt, hat man eine andere Perspektive. Man vergisst die Sorgen des Alltags», sagt der Italiener. Mittlerweile hat er über 3800 Wingsuit-Sprünge auf dem Buckel. Und ans Aufhören, denkt er noch lange nicht. «Ich muss einfach fliegen. Koste es was es wolle.»


Seine Leidenschaft für luftige Höhen hat der 76-Jährige aber nicht erst, seit er mit dem Wingsuit fliegt. Seit 1986 besitzt er einen Flugschein. Wenn immer möglich, hebt er mit seinem Ultraleichtflugzeug – einem Nachbau des 1.Weltkrieg-Fliegers Fokker – ab. Zudem hat er bereits in jungen Jahren die Fallschirmprüfung absolviert. Wenn möglich, ist Gian Paolo Longoni jedes Wochenende in der Luft. Denn: «Fliegen ist für mich das Schönste, was man machen kann.»

«Kollegen dachten, ich sei verrückt geworden»

Lucy Kellaway war eine der bekanntesten Wirtschaftsjournalistinnen der englischsprachigen Welt. Mit 57 Jahren entschied sie sich zu einem radikalen Neuanfang, gründete eine wohltätige Organisation und wurde Lehrerin. «Ich habe mich noch keine Sekunde gelangweilt» sagt sie.

Sie waren eine weltweit bekannte, gut bezahlte Wirtschaftsjournalistin und gaben vor zwei Jahren ihren Job auf, um Lehrerin zu werden. Warum?

Ich war schlicht zu lange Journalistin. Ich liebte diesen Beruf immer noch, wollte aber nicht mein ganzes Arbeitsleben lang das Gleiche tun. Ich hatte es auch satt, dauernd zynisch zu sein, und wollte lieber etwas Nützliches tun.



Wie hat Ihre Umgebung auf Ihren Berufswechsel reagiert?
Meine vier Kinder hielten es alle für eine tolle Idee, besonders meine älteste Tochter, die selbst Lehrerin ist. Meine Freunde und Bekannten reagierten dagegen sehr unterschiedlich auf meinen Karrierewechsel. Die eine Hälfte bewunderte meinen Entscheid und war vielleicht sogar versucht, das Gleiche zu tun. Die andere Hälfte dachte, ich sei verrückt geworden. Vor allem einige meiner Kollegen bei der Financial Times zeigten sich sehr skeptisch. Ich glaube aber, dass diese Reaktion hauptsächlich ihre eigenen Gefühle über Status und Geld widerspiegelte.

Vielen Menschen träumen davon, ganz neu anzufangen und ihrem Leben mehr Sinn zu geben. Aber nur wenige realisieren diesen Traum. Warum ist Selbstbestimmung für uns so schwierig?
Vielleicht weil unserer Selbstbestimmung einiges im Weg steht, gerade in jüngeren Jahren. Wir müssen Geld verdienen. Unser Umfeld ist sehr kompetitiv. Der Status spielt eine wichtige Rolle. Es ist schwierig, sich nicht darum zu scheren. Ich war schon in meinen 50ern, als ich das Prestige, das mit der Financial Times verbunden war, nicht mehr brauchte.

Mit Ihrer wohltätigen Organisation «Now Teach» wollen Sie erfolgreiche Manager über 50 dazu bewegen, Lehrer zu werden. Finden Sie genügend Leute, die bereit sind, ihre gut bezahlte Karriere aufzugeben?
Jedes Mal, wenn ich etwas über «Now Teach» schreibe oder dazu interviewt werde, melden sich Leute bei mir. Ich glaube, dass es die meisten Menschen, wenn sie um die 50 sind, satt haben, immer das Gleiche zu tun. Einige wollen zeitlich zurückstecken, aber viele haben auch Lust, etwas zu tun, das schwieriger ist, als alles, was sie je zuvor getan haben.

Wie reagieren zum Beispiel ehemalige Banker, wenn sie erfahren, wie wenig sie als Lehrer verdienen werden?
Sie wissen natürlich, dass die Bezahlung schlecht ist, für Auszubildende meist unter 25’000 Pfund pro Jahr [rund 32’500 Schweizer Franken oder 28’500 Euro]. Was lustig ist und mich überrascht hat: Die Ex-Banker verlieren kein Wort über den schlechten Lohn, aber sie sorgen dafür, dass sie jeden letzten Penny bekommen, der ihnen zusteht.

Sind diese Leute in ihrer neuen Beschäftigung glücklicher – oder nur müder?
Am Anfang sicherlich letzteres (lacht). Die meisten denken im ersten Jahr immer wieder mal, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hätten. Im zweiten Jahr dann fangen sie an, ihre neue Tätigkeit zu lieben. So ging es auch mir.

Ist ein solcher Karrierewechsel ein Privileg für Gutverdienende?
Nicht alle, die bei unserem Now Teach-Programm mitmachen, sind reich. Aber es stimmt schon: Die meisten haben Geld auf die Seite legen können.

Was gefällt Ihnen an Ihrem neuen Berufsleben am besten?
Heute Morgen habe ich ein paar Hausarbeiten gelesen, in denen meine 14-jährigen Schüler Unternehmen beschrieben haben, die sie gründen möchten. Darunter hatte es brillante Ideen, die erbaulicher waren als drei unterhaltsame Jahrzehnte bei der Financial Times. Generell: Ich habe mich als Lehrerin noch keine Sekunde gelangweilt.

Sie vermitteln Kindern auch Wirtschaftsthemen. Warum ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler Finanzkompetenz erlernen?
Weil die meisten Erwachsenen keine Ahnung davon haben. Je weniger Geld man hat, desto wichtiger ist es zu wissen, wie man damit umgeht.

Drei Viertel der Befragten sehen sich selbst verantwortlich für die Altersvorsorge, wobei der Anteil in der Schweiz mit 86% am höchsten ist (Grossbritannien: 78%; Frankreich: 71%; Deutschland: 70%; Österreich: 69%). 44% machen den Staat für die Altersvorsorge verantwortlich. Auf die eigene Vorsorgeplanung angesprochen sind jedoch nur 48% der Meinung, dass sie dank der bisher getätigten Vorsorge im Alter genügend finanzielle Ressourcen haben werden. Für die Sicherung des gewünschten Lebensstandards im Alter sind alle Generationen bereit, den gegenwärtigen Lebensstil anzupassen und mehr vorzusorgen. Die populärsten Massnahmen sind mehr sparen (52%), später in Rente gehen (40%) und Ersparnisse anlegen (36%).

Nur jeder Zweite ist finanziell zuversichtlich – Altersvorsorge bereitet Kopfzerbrechen

  • Laut einer repräsentativen Umfrage in der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Österreich und Grossbritannien fühlen sich insgesamt nur 46% der Befragten mit Blick auf ihre aktuelle finanzielle Situation zuversichtlich.
  • Finanziell am wenigsten gestresst fühlen sich die Schweizer (27%), am meisten die Franzosen (53%), Engländer (42%) und Deutschen (40%).
  • Die grössten Sorgen machen sich die Menschen darüber, dass sie im Alter nicht genügend Geld haben (42%). Knapp ein Drittel der Befragten hat nur begrenztes Vertrauen in die staatlichen Vorsorgesysteme.
  • Drei von vier Befragten sehen sich selbst in der Pflicht, für das Alter vorzusorgen. Besonders hoch gewichtet wird die Eigenverantwortung in der Schweiz (86%), etwas weniger in Grossbritannien (78%), Frankreich (71%), Deutschland (70%) und Österreich (69%).
  • Über 80% sind bereit, ihren aktuellen Lebensstil anzupassen, um sich dafür den gewünschten Lebensstandard im Alter erhalten zu können. Gut die Hälfte wäre bereit, dafür mehr zu sparen, 40% erst später in Rente zu gehen.
  • Besonders skeptisch äussern sich Millennials: Knapp drei Viertel der jüngeren Generation haben keine Vorstellung der eigenen Finanzen im Alter. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Drittel nicht weiss, an wen sie sich beim Thema Finanzen wenden können.


Eigenverantwortung wird hoch gewichtet

Auf die Gründe für den Stress angesprochen, nennen 42% die Unsicherheit, im Alter nicht genügend Geld zu haben; selbst für die Jungen ist dies die dominierende Sorge. 32% haben derweil ein eingeschränktes Vertrauen in die staatlichen Vorsorgesysteme. Erst an dritter Stelle nannten die Umfrageteilnehmer ihre eigene Gesundheit (30%).

Drei Viertel der Befragten sehen sich selbst verantwortlich für die Altersvorsorge, wobei der Anteil in der Schweiz mit 86% am höchsten ist (Grossbritannien: 78%; Frankreich: 71%; Deutschland: 70%; Österreich: 69%). 44% machen den Staat für die Altersvorsorge verantwortlich. Auf die eigene Vorsorgeplanung angesprochen sind jedoch nur 48% der Meinung, dass sie dank der bisher getätigten Vorsorge im Alter genügend finanzielle Ressourcen haben werden. Für die Sicherung des gewünschten Lebensstandards im Alter sind alle Generationen bereit, den gegenwärtigen Lebensstil anzupassen und mehr vorzusorgen. Die populärsten Massnahmen sind mehr sparen (52%), später in Rente gehen (40%) und Ersparnisse anlegen (36%).

Patrick Frost: «Der Weltspartag ist aktueller denn je: Die Bedeutung der eigenen Vorsorge wird mit dem demografischen Wandel weiter zunehmen. Die Relevanz des Themas ist auch den Menschen bewusst, es bereitet ihnen aber Kopfzerbrechen. Hier will Swiss Life ihre Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen und Verantwortung übernehmen und die Menschen dabei unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.»


«Der Weltspartag ist aktueller denn je: Die Bedeutung der eigenen Vorsorge wird mit dem demografischen Wandel weiter zunehmen. Die Relevanz des Themas ist auch den Menschen bewusst, es bereitet ihnen aber Kopfzerbrechen.»


Patrick Frost, CEO der Swiss Life-Gruppe

Mut haben zum Anderssein

In Finlay Sky Daveys Leben dreht sich alles um die Musik. Der grösste Traum des Hardcore-Metal-Rockers ist von seiner Leidenschaft leben zu können. Dabei spielt Geld bei ihm eine untergeordnete Rolle. Am liebsten würde er einfach alles tauschen – Kunst und Musik gegen Verpflegung und Kleider.

«Immer wieder aufstehen, an sich selber glauben, immer wieder kämpfen, das ist die Botschaft unserer Musik», sagt Finlay Sky Davey. Der Frontmann der liechtensteinischen Hardcore-Metal-Band «TAPED» gibt auf der Bühne immer 100%. Wie ein Ventil seien die Auftritte. Dabei könne er alles rauslassen: Aggressionen, Spass, Freude. 


Seit er ein Kind ist, träumt der Sänger davon, von seiner Musik leben zu können. Heute finanziert sich Finlay Sky Davey, indem er Management-Aufgaben für andere Künstler übernimmt. Damit wird er nicht reich, aber das ist auch nicht sein Ziel. «Ich brauche nicht viel zum Leben. Mir ist wichtiger, dass ich glücklich bin», erzählt der 23-Jährige. Am liebsten würde er alles tauschen – seine Musik und seine Kunst gegen Verpflegung und Kleider.

Für ihn stellt sein Leben kein Kompromiss dar. Das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen, hat er nicht. «Ich habe alles, was ich brauche, und noch viel mehr», sagt Finlay Sky Davey. Denn er habe sein Leben so ausgesucht. Selbstbestimmung bedeutet für ihn dann auch Mut zu haben – Mut, anders zu sein. 

Videoportrait: Kira Grünberg